Die Seele der Ukraine ist gespalten

Dialog mit dem Alter Ego über die Unruhen in Kiew

Frage vom Alter Ego von Noah denkt™ (AE): Die anhaltenden Unruhen in der Ukraine, nach dem Scheitern der Verhandlungen über ein Assoziationsabkommen mit der EU, beherrschen die Schlagzeilen in Europa. Die übliche Lesart des Konfliktes im Westen ist die, dass die Janukowitsch-Regierung deshalb die Unterschrift unter das betreffende Abkommen mit der EU verweigert hat, weil russisches Geld sie zur Ablehnung gedrängt hat. Wie sieht Noah denkt™ die Lage in der Ukraine?

Antwort von Noah denkt™ (Nd): Natürlich kann man es sich einfach machen, und sämtliche innen- und bündnispolitischen Zerwürfnisse in der Ukraine auf die Korruption und Unaufrichtigkeit der jeweils herrschenden Regierung zurückführen. Und sicher wird niemand leugnen wollen, dass es diese Korruption gibt. Aber man wird dem strategischen Positionierungsproblem der Ukraine nicht gerecht, wenn man es allein auf etwaige Schwarzgeldzahlungen zurückführen will. Nein, die Wahrheit in der Ukraine ist die, dass dier Seele des Landes gespalten ist, und daher nicht weiss, ob sie lieber einen individualistisch-libertären Weg, mit allem, was das bedeutet, gehen soll, oder ob sie in der alten Logik des starken, patriarchlischen Zentrums verharren soll. Denn gewiss kann  auch die alte Logik des östlich-gewandten Lebens-und Führungsstils einige Argument für sich ins Feld zu führen.

AE: Was wären denn die Gründe, die aus Sicht der ukrainischen Seele für einen Verbleib im russischen Einflussbereich sprechen?

Nd: Na ja, da ist einmal der Gedanke, dass die Abkehr vom individualistisch-libertären Weg des Westens auch ein Votum für die Wahrung traditioneller Familienstrukturen ist. Denn in einer weniger offenen Gesellschaft desintegriert sich die Gemeinschaft weniger;  das Zusammengehörigkeitsgefühl bleibt erhalten; alte Menschen werden weniger ausgegrenzt, die Herausforderung der Integration von Immigration stellt sich weniger; und die Gewalt des sozialen Wandels bricht vorerst weniger stark über die Gemeinschaft herein, als dies im westlichen Modell der Fall wäre. Über allen Zweifeln aber, welche die Ukraine bei der Wahl zwischen West und Ost bewegen, steht vornehmlich die Ungewissheit darüber, ob man denn dem kollektiv verhandelten Sicherheitskonzept des Westen trauen kann, oder ob es nicht wie immer sein wird, und die Sicherheitsinteressen der Ukraine im Ernstfall vom Westen verraten werden.AE: Nun war das geplante Assoziationsabkommen mit der Ukraine ja bewusst kein Beitrittsabkommen, welches eine spätere Mitgliedschaft der Ukraine in der EU mit sich gebracht hätte. Mit anderen Worten, es gibt aus ukrainischer Sicht keinen Grund hier eine strategische Festlegung, oder eine geo- und sozialpolitische Umorientierung zu fürchten.

Nd: So einfach ist die Sache nicht. Sicher würde die Ukraine nach der Unterzeichung des in Rede stehenden Assoziierungsabkommens noch weit davon entfernt sein, den militärischen Schutz zu geniessen, den ein NATO-Mitglied in Ansruch nehmen darf. Dennoch ist die Frage der nationalen Sicherheit und Koheränz  in diesem Übergangsgebiet von westlicher zu östlicher Denke so heikel, dass schon ein kleiner Flirt dazu führen kann, das Uränste aufgespült werden. Außerdem darf man nicht die Kraft der Veränderung unterschätzen, die ein freierer Handelsfluss mit sich bringt.

AE: Derlei Zusammenhänge werden aber doch im Westen durchaus verstanden?

Nd: Sicher. Aber es ist wichtig, sich diese Erkenntnisse auch im aktuellen Fall wieder vor Augen zu führen, und nicht saemtliches Scheitern allein dem unaufrichtigen Herrn Janukowitsch in die Schuhe zu schieben.

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