Neues zur Zeitungskrise

Dialog mit dem Alter Ego über die Redaktionswechsel in der New York Times und in Le Monde

Frage vom Alter Ego von Noah denkt™ (AE): Niemand hat die Krise der traditionellen Zeitung besser beschrieben, als Constantin Seibt in seinem deadline-blog für die Schweizer „Tageszeitung“. (siehe: http://blog.tagesanzeiger.ch/deadline/index.php/33084/zum-teufel-mit-der-krise-eroeffnen-wir-einen-salon/). Und doch wird man am Tage, da die Nachricht kommt, dass die Chefredakteurinnen von Le Monde (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/le-monde-ruecktritt-von-natalie-nougayrede-a-969430.html) und New York Times (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/jill-abramson-new-york-times-entlaesst-chefredakteurin-a-969496.html) ihren Posten (mehr oder weniger freiwillig) geräumt haben, das Thema Zeitungssterben noch einmal neu aufrollen müssen. Welche Konsequenzen hat die Krise des traditionellen Papier-Journalismus für uns alle?

Antwort von Noah denkt™ (Nd): Nun, die Konsequenzen sind nicht berauschend. Denn auch, wenn es stimmt, was Constantin Seibt sagt, und die Nachrichtenfunktion der Tageszeitung irrelevant geworden ist, so ist doch in diesen traditionellen Mainstream-Medien eine journalistische und redaktionelle Kompetenz bzw. Urteilskraft vorhanden, auf die die Gesellschaft nicht so ohne weiteres verzichten kann. Dass dem so ist, hat was mit der Historie, der Erfahrung und dem Selbstverständnis der betreffenden Medien zu tun. Denn, wenn man so viele Schlachten geschlagen, und so viel Zeitgeschehen verarbeitet hat,  wie das bei Le Monde und New York Times der Fall ist, dann ist daraus  auch eine Rigorosität, ein Professionalismus und ein „Gewusst-wie“ entstanden, das kein journalistischer Heim- und Onlinewerker mal eben so replizieren kann.

AE: Nun scheinen es ja gerade die linksliberalen Zeitungen zu sein, die besonders in Schwierigkeiten geraten (Siehe auch der Chefwechsel bei El País). Immerhin sind derlei Verwerfungen beim Economist oder dem Wall Street Journal ja weniger bekannt geworden.

Nd: Kann sein, dass die linksliberalen Zeitungen ein wenig stärker von den Umwälzungen im Journalismus betroffen sind. Aber es gibt anderswo keinen Grund, zu entspannen.

AE: Bleiben wir noch ein bisschen bei den sozialen Konsequenzen, die das Dilemma der traditionellen Tageszeitung mit sich bringt. Was steht hier im Einzelnen zu befürchten?

Nd: Nun man kann sich vorstellen, dass durch die Schwächung der Mainstream-Medien zukünftige Kampagnen hysterischer und maßloser werden. Man kann sich ebenso ausmalen, dass die Widerstandsfähigkeit der Medien gegenüber Einschüchterung durch rücksichtlose Machthaber wenigstens mittelfristig leiden wird. Und schließlich wird’s vielleicht auch länger dauern, bis in der gesellschaftlichen Meinungs- und Willensbildung das wichtige vom weniger wichtigen getrennt werden kann.

AE: Ist das wirklicher so? Schließlich sind da ja immer noch die alten und weniger alten audiovisuellen Medien, die die Rolle der früheren Schreibpresse spielen können (France24, CNN, BBC News, NBC News, die Öffentlich-Rechtlichen etc…)

Nd: Kein audiovisuelles Medium kann es sich wegen seines höheren Finanzierungsbedarfs erlauben, so unabhängig und widerspenstig zu sein, wie Le Monde oder die New York Times es zu ihren besten Zeiten gewesen sind. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die betreffenden Medien obendrein noch am Tropf von Staatsgeldern hängen. Man stelle sich nur vor, wie die ARD reagiert hätte, wenn eine ihrer Redaktionen die Spiegelaffäre von 1962 losgetreten hätte. Sicher hätte sie nicht die Kraft gehabt, dem politischen Druck so stand zu halten, wie es seinerzeit dem Spiegel gelungen ist.

AE: Nun hat es aber auch der Papier-Journalismus nicht verhindert, dass außenpolitische Krisenherde in Deutschland immer weniger im Fokus stehen. Man denke nur an Noah denkt™s eigene Kritik bezüglich der mangelhaften öffentlichen Debatte über den Georgien-Konflikt, den französischen Mali-Einsatz oder den Putsch in Honduras. Und man vergegenwärtige sich überdies, dass auch in Sachen Finanzmarktanalyse das öffentliche Meinungsbild nach wie vor von Berührungsangst und Missverständnissen gekennzeichnet ist. Zeigen nicht gerade diese Tendenzen, dass die Zeitungswelt nicht mehr auf der Höhe ihrer Zeit ist?

Nd: Da ist sicher was dran. Aber dennoch meinen wir, dass uns der Economist nach wie vor wenigstens in Ansätzen zeigt, wie auch Schreibformat-Flaggschiffe in dieser Zeit ihre Berechtigung haben.

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