Frau Merkel ist keine „Patin“.

Anmerkung zur Diskussion um den Führungsstil der Bundeskanzlerin, erstellt und veröffentlicht am 27.08.2012

Die merkwürdige Debatte um die demokratische Verwurzelung der Frau Merkel und ihres Führungsstils (siehe die ARD-Sendung „Jauch“ vom 26.08.) veranlasst uns, die folgenden Einwürfe zu machen. Immerhin haben wir es uns ja nicht nehmen lassen, die Frau Merkel in unsere Hall of Fame aufzunehmen. Da wird man jetzt nicht ohne weiteres schweigen können, wenn die Diskussion nach weiterer Klärung ruft. Sei’s drum:

1)      Ja, es ist richtig, dass die Energiewende eine überhastete, unausgewogene und übertriebene Reaktion auf den Fukushima-Unfall darstellt. Aber davon, dass die Kanzlerin hier eine einsame, quasi-diktatorische Entscheidung getroffen habe, die an Partei und Volk vorbei gegangen sei, davon kann in der Tat keine Rede sein. Denn natürlich ist doch unser ganzes Land gewesen, das zur Zeit der Fukushima-Katastrophe, wie im Übrigen nicht anders zu erwarten, in eine Anti-Atomkraft-Hysterie gefallen ist. Und so wird man sich also sicher sein können, dass es wenigstens zum Zeitpunkt der Ausstiegsentscheidung einen neurotischen Mehrheitskonsens für denselben, sowohl in der CDU, als auch im Volke gegeben hat. Ja, man wird sogar argumentieren können, dass es in einer Welt, wo die Menschen wie besessen von einer Daseinsangst (Stichwort: Ehec-Gurken, Stichwort; Bahnhofs-Modernisierung) in die nächste fallen, für demokratische Politiker schlechterdings unmöglich ist, sich gegen solche Verirrungen vollends zu immunisieren. Denn immerhin wird hier ja meist das ganz große Rad gedreht. Und so wird ein von Wählerstimmen abhängiger Politiker hier und da leicht auch die eigene Nordung verlieren können.

2)      Sicher ist es zutreffend, wenn von Frau Höhler, Bosbach u.a. angemahnt wird, dass innerhalb der CDU nicht genügend offen über alternative Wege zur Euro-Rettung diskutiert wird. Aber ist es angesichts des übermenschlichen, Keynesianischen Druckes, der von der ganzen Welt auf Deutschland und Frau Merkel ausgeübt wird, nicht verständlich, wenn Letztere in dieser Situation wenigstens in den eigenen Reihen ein Moment der Ruhe haben will? Und ist es nicht stattdessen übertrieben und unrealistisch zu erwarten, dass die verantwortlich Handelnden gerade jetzt, wo es wirklich einmal um Existenz- und Schicksalsfragen für Volk und Vaterland geht, auch noch langmütig, unentschlossen und locker bleiben sollen? Nein, wer hier der Wahrheit die Ehre geben will, der wird erkennen müssen, dass es angesichts der Tragweite, der im Raum stehenden Entscheidungen nur selbstverständlich ist, wenn bei den Verantwortungsträgern die Nerven blank liegen. Und so wird man gerade deshalb mit ihnen auch etwas nachsichtiger umgehen müssen. Denn zu sehr würde man sich sonst dem Vorwurf aussetzen müssen, selbst das Unmögliche gewollt zu haben, als dass man anderen jetzt noch eine Übertriebenheit wie selbstverständlich wird anlasten können.

3)      Frau Höhler hat recht, wenn sie darauf hinweist, dass die Liste derjenigen, die der Führung von Frau Merkel, sei es wegen eines eigenen (vorzeitigen) Rückzugs, oder sei es wegen Macht bewusster Verbannung, zum Opfer gefallen sind, länger und größer ist, als dies bei den Vorgängern der Fall war. Aber ist die Länge dieser Liste wirklich so verwunderlich, wenn wir gleichzeitig in einem Umfeld leben, wo Bundespräsidenten aus unerfindlichen Gründen ihr Amt zur Verfügung stellen, neue  Parteien auftreten, die so recht nicht wissen, wofür sie eigentlich stehen (Stichwort: Piraten), und selbst Kammerdiener des Papstes nicht mehr so ohne weiteres vertrauenswürdig sind? Kann es nicht stattdessen auch sein, dass wir alle mittlerweile dauerhaft zum beleidigt- und entrüstet sein neigen. Und ist es daher nicht natürlich, wenn auch Verantwortungsträger immer öfter den Büttel hinwerfen, und sich ins Private zurückziehen, wenn allenthalben die Teamfähigkeit so einschneidend gelitten hat? Nein, wenn wir hier nicht das rechte Augenmaß verlieren wollen, dann werden wir erkennen müssen, dass die große Zahl der „Merkel-Opfer“ so viel nicht zu sagen hat. Denn zu eigensinnig ist der Alltag nun gewordenen, als dass man daraus jetzt noch einen Sonderfall wird machen können.

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