Der Staat muss Anreize schaffen, damit mit der vermehrten Freizeit sinnvoll umgegangen wird

Beobachtungen zur Herausforderung der digitalen Revolution

Die folgende Liste von Länder, die man leicht mit den üblichen Verdächtigen hätte erweitern könnte, spricht für sich selbst:

Island (nicht EU-Mitglied, nicht im Euro)

Österreich (EU- und Euro-Mitglied)

Spanien (EU-, und Euro-Mitglied)

Großbritannien (EU-Mitglied, nicht im Euro)

Frankreich (EU- und Euro-Mitglied)                                                 T

Südafrika  (nicht EU-Mitglied, nicht im Euro)

Brasilien  (nicht EU-Mitglied, nicht im Euro)

USA (nicht EU-Mitglied, nicht im Euro)

Türkei (nicht EU-Mitglied, nicht im Euro)

Alle genannten Staaten, die mit einigen wenigen Ausnahmen nicht dafür bekannt sind, instabil zu sein, durchleben in diesen Tagen eine Art politisches Erdbeben, oder zumindest eine politische Seelensuche. In Island sind Präsident und Regierungschef Opfer der Panama Papers geworden; in Österreich ist der Regierungschef wegen der sozialdemokratischen Selbstzerfleischung zurückgetreten; in Spanien steht nicht nur die territoriale Integrität, sondern auch die traditionelle Parteienlandschaft zur Disposition; das Vereinigte Königreiche befindet sich in einer Brexit-Seelensuche;  in Frankreich weiß man nicht, wie es mit den Sozialisten weitergehen soll; in Südafrika ist der ANC unfähig, sich von einem korrupten Präsidenten zu trennen; in Brasilien soll die Präsidentin abgesetzt werden oder auch nicht; in den USA revolutioniert ein ungeliebter Außenseiter das konservative Establishment; und in der Türkei versteht keiner, wohin der Präsident das Land führen will. Der Ausnahmezustand all überall ist also nicht zu leugnen.

Vielleicht wäre die oben aufgeführte Liste von vorneherein selbstverständlicher gewesen, wenn man ihr einige zivilgesellschaftliche Organisationen hinzugefügt hätte. Denn dort sieht’s nicht besser aus. Man denke nur an die Probleme der FIFA, der katholischen Kirche, der Volkswagen AG, der Printmedien, des Taxigewerbes, der Innenstadtläden, der Erdölindustrie, um nur einige zu nennen. Auch hier herrscht gelinde gesagt ein Zustand institutioneller Ratlosigkeit.

Dass die digitale Revolution an dieser Realität nicht schuldlos ist, wird kaum jemand bestreiten. Denn nicht nur würde es ohne Mobilfunktelefonie und ohne soziale Netzwerk keinen arabischen Frühling, keine Flüchtlingskrise und ergo auch keine Brexit-Debatte oder Regierungsumbildung in Österreich geben; – nein ohne den digital beschleunigten Kapitalismus und die damit verbundene digitale Öffentlichkeit würde es weder die Panama Papers, noch die Podemos- und Nuit debout-Bewegung, noch die große Zahl der amerikanischen Frustwähler geben. Es gibt da einfach kein Vertun. Die digitale Revolution krempelt unser aller Leben derart massiv um, dass es fortan nicht mehr ausreichen wird, es allein dem freien Spiel der Kräfte zu überlassen, mit diesen Veränderungen fertig zu werden.

Noah denkt™ ist diesbezüglich zu der Überzeugung gekommen, dass der Staat angesichts der großen Veränderungen, die hier im Raum stehen, insbesondere auf zwei Feldern aktiv werden muss: Erstens muss die schulische und berufliche Bildung und Ausbildung davon wegkommen, vor allem Arbeitnehmer produzieren zu wollen. Stattdessen wird es ihr verstärkt darum gehen müssen, Unternehmer und Pioniere hervorzubringen. Und zweitens wird der Staat Anreize schaffen müssen, damit die Menschen lernen, mit ihrer zunehmenden Freizeit sinnvoll umzugehen. Denn das Thema der Vereinzelung und des Nichtgebrauchtwerdens wird sich für viele von uns in immer stärkerem Maße stellen. Und es wird eine der größten Herausforderungen der Zukunft sein, mit dieser so empfundenen Marginalisierung vernünftig umzugehen, um das Aufkommen (selbst-)zerstörerischer Neigungen zu vermeiden.

Die Vorstellung, dass Menschen, die über Jahrzehnte hinweg zum Konsumenten bzw. Angestellten erzogen worden sind, dies alles aus sich alleine schaffen können, ist schlichtweg illusionär. Ebenso illusionär ist es, zu glauben, dass die Arbeitsmarktveränderungen, welche die digitale Revolution mit sich bringt, vielleicht mit ein wenig Hilfe seitens staatlicher Fortbildungsmaßnahmen schon wie von selbst dafür sorgen werden, dass die Menschen, die hier ihre vorrevolutionäre Arbeit verlieren, dort eine neue post-revolutionäre Anstellung finden werden. Ganz so einfach ist es leider nicht. Denn so sehr es auch stimmen mag, dass die Bereitstellung von Automatisierungslösungen ihrerseits selbst wieder Arbeitsplätze produzieren wird, so sehr wird man doch nicht daran vorbeikommen, dass der ureigentliche Impuls der Automatisierungslösung darauf abzielt, Arbeitsplätze einzusparen bzw. billiger zu machen. Es ist also schwer vorstellbar, dass es sich hier tatsächlich um ein Nullsummenspiel, sei es auf dem Lohnstreifen, oder in der  Arbeitsplatzzahl handelt. Dass es dieses Nullsummenspiel aber in Wirklichkeit wohl ist, zeigt der Blick in die USA. Denn, obwohl die Wirtschaft dort angeblich floriert und die Arbeitslosenzahlen sich um das statistische Minimum ranken, will sich kein echter Optimismus einstellen. Vielmehr bleibt die Zahl derjenigen, die gar nicht mehr am Arbeitsmarkt teilnehmen wollen, ungewöhnlich hoch. Andererseits nimmt die Zahl der Protestwähler eher zu, als ab.

Die Politik ist daher aufgefordert, Vorkehrungen zu treffen, damit die Unzufriedenheit der Menschen mit ihrer Lebenssituation nicht noch dramatischere Züge annimmt, als dies ohnehin jetzt schon der Fall ist. Und in diesem Zusammenhang scheint es uns wichtig, dass es vor allem der allgemeine Bewegungsmangel ist, der in den Fokus genommen wird. Denn dieser Bewegungsmangel wird durch die digitale Revolution noch einmal um ein vielfaches verstärkt. Und sicher liegt hierhin auch eine wichtige Ursache dafür verborgen, dass die in Vereinzelung und Rückzug getriebenen Menschen, die Kraft nicht mehr finden, aus ihrer Misere auszubrechen.

Wir halten es daher für angebracht, darüber nachzudenken, wie der Staat die Menschen finanziell dafür belohnen kann, dass sie sich in ihrer freien Zeit aus eigenem Antrieb dazu motivieren, an sportlichen, meditativen oder geistigen Aktivitäten teilzunehmen.  Aus unserer Sicht würden damit drei wichtige Ziele auf einmal erreicht: Erstens, würde durch den gesamtgesellschaftlichen Bewegungsanreiz eine Art medizinische Vorsorge betrieben, die so manche Sozialversicherungsausgabe zu einem späteren Zeitpunkt überflüssig machen würde; und zweitens würde sich auf diese Weise das Frustpotential reduziert lassen, das sich bereits jetzt in allerlei politischen und sozialem Extremismus bzw. Suchtverhalten ausdrückt. Und drittens würden auf diese Weise Umstände geschaffen, welche ein Mehr an sozialer Begegnung möglich machen.

Dass ein solcher Vorschlag zu staatlich finanzierter Bewegungshilfe von Noah denkt™ erbracht wird, ist nicht selbstverständlich. Immerhin sind wir bislang eher dafür bekannt gewesen, der Austerität das Wort zu reden. Aber die Liste der oben genannten Staaten und Organisationen, die sich in schweren strukturellen Krisen befinden, ist einfach zu lang und zu beeindruckend, als dass man darüber wie gehabt weitermachen könnte. Versuchen wir also, neue Wege zu gehen!

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