Die etablierte Politik hat (noch) keine Antwort auf den Rechtspopulismus

Kommentar zu den Establishment-Reaktionen auf den Beinahe- FPÖ-Triumph in Österreich

Noah denkt™ hat mit viel Interesse die österreichischen Diskussionen im Nachgang zum Herzschlagfinale der dortigen Präsidentenwahl verfolgt. Denn zum ersten Mal schien es hier in einem Stammland Europas möglich zu sein, dass der Kandidat einer rechtspopulistischen Partei das höchste Amt im Staat übernimmt. Mit viel Aufwand seitens der etablierten Kräfte ist es am Ende aber mit denkbar knapper Mehrheit gelungen, den Sieg des FPÖ-Kandidaten Hofer zu verhindern. Übrig bleibt nun ein gespaltenes Land und eine zerrissene Wählerschaft.

Es war daher kein Wunder, dass im Nachgang der Wahl viel vom Brücken bauen, vom Gräben überwinden, und von einem Neuanfang die Rede war. Konkrete Vorschläge aber, wie dieser Neuanfang denn de facto aussehen und wie den Protestwählern die Zufriedenheit zurückgegeben werden könnte, waren allerdings Mangelware.  Und dass dem so ist, hat viel mit einer falschen Diagnose zu tun.  Denn trotz gewisser Fehler in Sachen Spar- und Zuwanderungspolitik ist es weder das eine, noch das andere, wo die eigentliche Wurzel des Übels zu suchen ist. Vielmehr sind es die sozialen Folgen der digitalen Revolution, die die Unzufriedenheit schafft, mit der wir bislang nicht zu Rande kommen. Noch nämlich wissen unsere Gesellschaften nicht, wie sie der wachsenden Entfremdung, der größeren Vereinzelung, dem zunehmenden Bewegungsmangel und den rasanten Arbeitsmarktveränderungen samt Lohndumping entgegen treten können. Und noch träumen die einen von einer weltfremden Rückkehr zum völkischen Gemeinsinn während die anderen in mehr oder weniger telegener Weise auf ein bereits erschöpftes „Weiter so“ setzen.

Die Wahrheit aber ist, dass in unserer digitalen Welt das Völkische ebenso tot ist, wie das Soziale auch nach dem etwa die Sozialhilfe nach wie vor strebt. Wenn es anders wäre, wären die Kirchen nicht leer, die Gewerkschaften würde nicht beständig Mitglieder verlieren und Sportvereine müssten nicht fusionieren, um den Spielbetrieb aufrecht erhalten zu können. Es gibt da kein Vertun: Die Zeiten des gemütlichen Beisammenseins, des solidarischen Miteinanders und der Dorf- und Stadtteilromantik sind ein für alle Mal vorbei. Wer in diesem Umfeld also das Protestwählerpotential reduzieren will, der wird zunächst anerkennen müssen, dass sich die Menschen in der Gemeinschaft verstärkt unwohl fühlen, dass sie deshalb lieber die Flucht ins Private oder Virtuelle antreten, und am Ende gerade dort an ihrer Einsamkeit verzweifeln.

Die Kernaufgabe staatlicher Gesellschaftspolitik wird also in Zukunft darauf abzielen müssen, die Menschen aus dem Kokon der Trägheit und Vereinzelung heraus zu locken, in den sie sich aus freien Stücken selbst begeben haben. Dabei wird insbesondere die Bekämpfung des weit verbreiteten Bewegungsmangels, eine erste Priorität einnehmen müssen. Denn eine der wichtigsten Ursachen für die hartnäckige Unzufriedenheit der Menschen ist genau dieser Bewegungsmangel. Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass die Abnahme körperlicher Anstrengung zu allerlei aufgestauter Energie führt, die sich dann wie selbstverständlich in verschiedensten Formen von Sucht und Extremismus auszuleben trachtet. Wer also den Rechtspopulismus erfolgreich bekämpfen will, wird sich zunächst einmal darum bemühen müssen, dass in den Köpfen der Menschen wieder Glückshormone ausgeschüttet werden. Mit anderen Worten, es wird von staatlicher Seite eine Versuchung in den Raum gestellt werden müssen, die so überwältigend ist, dass die Menschen den Mut und die Kraft finden, aus der Vereinzelung herauszutreten, und sich auf gemeinsame sportliche Aktivitäten einzulassen. Dies zu schaffen, wird alles andere, als einfach sein. Denn zu fremd und unbekannt, sind sich die Menschen nun geworden, als dass ihnen diese neue Begegnung jetzt noch wie selbstverständlich gelingen könnte.

Es ist daher die Überzeugung von Noah denkt™, dass die unwiderstehliche Versuchung, die der Staat hinsichtlich einer Bewegungsinitiative in den Raum stellen muss, ohne eine konkrete, finanziellen Belohnung für jedes einzelne Trainingsteilnahme nicht auskommen wird. Um es noch deutlicher zu sagen: Der Staat wird die Menschen dafür bezahlen müssen, dass sie bereit sind, ihre Wohnung zu verlassen und an einer körperlichen Ertüchtigungsmaßnahme à la Club Med – Animation teilzunehmen. Denn mehr Geld und Anerkennung ist das, was Fortschritts- und Wettbewerbsverlierer am zweitmeisten benötigen.  Und so wird man denn auch auf derlei Entlohnung am ehesten eine positive Resonanz erwarten können.

Für uns bei Noah denkt™ ist es deshalb nicht mehr die Frage, ob es derlei finanzielle Anreize seitens des Staates geben soll, immerhin gibt es diese über die Steuerermäßigungen bei eingetragenen Vereinen ja schon heute; – nein die entscheidende Frage ist vielmehr die, wie denn dergleichen Programme administrativ bewältigt, durchfinanziert und gegen Missbrauch gesichert werden können, damit sie in der Praxis auch einen konstruktiven Dienst leisten. Möglicherweise wird hier mit entsprechender Chiptechnologie einiges machbar sein.

Klar ist allerdings auch, dass es nicht ausreichen wird, den Menschen den Weg zur Ausschüttung von Glückshormonen zu weisen, um die Folgen der digitalen Revolution zu bewältigen. Nein, dazu wird auch eine fundamentale Neugestaltung des Bildungswesens nötig sein. Wir haben darüber schon mehrfach geschrieben. Und wir entschuldigen uns bei unseren regelmäßigen Lesern, dass wir uns hier erneut wiederholen. Aber es ist nach unserer Ansicht ein gravierender Fehler, nach wie vor Arbeitnehmer heranziehen zu wollen. Die postmoderne digitale Welt verändert sich so schnell, dass kein System heute wissen kann, welche Arbeitnehmer morgen noch gebraucht werden. Wichtig ist daher, dass die Heranwachsenden zum selbstständigen Unternehmer und Arbeitgeber erzogen werden, statt ihnen das Glück in der abhängigen, durchschnittlichen Beschäftigung vorzugaukeln. Mit anderen Worten, moderne Erziehung muss sich eher am Bildungsweg eines Lang Lang oder eines Sebastian Vettel orientieren, als den alten Berufsidealen von Bahnwärter Thiel  oder dem Handelsreisenden Loman nachzuhängen. Das Erkennen und Fördern des jeweils individuellen Talentes, wo auch immer es sich verbergen mag, wird im Vordergrund stehen müssen, und die Eingliederungsfähigkeit in systematisierte Apparate wird wenigstens ein bisschen in den Hintergrund treten müssen. Wie das im Einzelnen konkret aussehen soll, kann natürlich kein Projekt alleine beantworten. Hier wird es eine Zusammenarbeit der Experten auf diesem Felde geben müssen. Aber der erste Impuls diesbezüglich muss von der Politik kommen. Davon aber scheinen wir, wie die österreichische Nachwahldiskussion zeigt, noch weit entfernt zu sein. Mithin wird das Wachsen des rechtspopulistischen Phänomens auch vorerst nicht gestoppt werden können. Und das ist zumindest bedauerlich, wenn nicht sogar Besorgnis erregend.

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