Was würde Thomas Bernhard zum derzeitigen Stand der Finanzmärkte sagen?

Ein erregter Dialog mit dem Alter Ego

“Das solipsistische Ich ist ein krankes, gewiss, aber nur als krankes vermag es, so unterstellt Bernhard, die ganze Welt in ihrer Krankheit zu erkennen.”

Bernhard Sorg: Thomas Bernhard, München 1992, S. 77

 

Frage von Noah denkt™ (Nd): Wir haben kürzlich wieder bei Thomas Bernhard (1931-1989) nachgelesen („Der Untergeher“, Frankfurt, 1983). Auch mit dem Abstand einiger Jahre verliert sein Werk nichts von der Brillanz, die es seinerzeit bereits für uns hatte. Sein Thema, sein Urteil, seine Entschlossenheit und seine Radikalität sind einfach hervorragend und in der modernen Literatur weitgehend unerreicht. Wie immer, wenn wir Thomas Bernhard lesen, fließt sein Blickwinkel auch in unsere Betrachtung ein, und so kommt es also, das wir uns derzeit unwillkürlich fragen, was denn Bernhard wohl zum gegenwärtigen Finanzkapitalismus an sich und dem derzeitigen Stand der Märkte insbesondere sagen würde, wenn er denn heute noch lebte und arbeitete?

Antwort vom Alter Ego von Noah denkt™ (AE): Nun, die sich unmittelbar aufdrängende Antwort ist ja wohl, dass er diesen Finanzkapitalismus verachtet hätte, so wie er auch Industrielle, Fabrikanten und andere Prachtexemplare des Bürgertums verachtet hat. Immerhin geht es ihm doch zunächst darum, die Bedrängnis darzustellen, in der sich diejenigen befinden, die ob der Reflexion ihres Leidens und der Nichtreflexion der sie umgebenden Nichtleidenden zum Geistesmenschen geworden sind.  In derlei Themenstellung ist ja wohl wenig Platz für die Wertschätzung eines Denkens, dessen oberste Priorität das Kaufmännische, also das sich selbst für selbstverständlich Nehmende ist.

Nd: Ja und Nein. Richtig ist, dass sich das Thema Finanzmarkt für Bernhard seinerzeit nicht stellt. Ihm geht es vor allem um die Aburteilung des österreichisch-deutschen Provinzialismus, der ständischen Selbstzufriedenheit und der bildungsbürgerlichen Selbstherrlichkeit.  Im krachledernen Mief der frühen 80er Jahre war eben das damals eher angloamerikanische Thema des Finanzkapitalismus noch nicht aktuell. In diesem Punkt unterscheidet sich Bernhard dann auch wie selbstverständlich von seinem Zeitgenossen Bret Easton Ellis, der die Relevanz des (Big Bang-)Finanzmarktkapitalismus schon in den 80er erkannt hat. Heute aber würde Thomas Bernhard an diesem Wall Street-Phänomen nicht vorbei kommen. Und wenn er sich denn diesem Thema unvoreingenommen stellen würde, dann würde er hoffentlich mit uns erkennen, dass dieser Finanzmarktkapitalismus, nicht nur jeglichen provinziellen Mief überwindet, sondern mittlerweile auch so hochgezüchtet und hochgedreht ist, dass darin nur noch Geistesmenschen mit Hang zur Selbstzerstörung einen echten, finanzwirtschaftlichen Mehrwert schaffen können. (Siehe dazu auch die Figur des “Onkel Georg”, in: Thomas Bernhard, Auslöschung, Frankfurt 1986). Dass dem so ist, hat etwas mit der Komplexität, der Umlaufgeschwindigkeit und der Interdependenz von allem zu allem zu tun, die diesen Finanzmarkt stets neu umhertreibt. Selbige Turbodynamik aber kann nur von Geistesakrobaten bewältigt werden, deren philosophische Selbstreflexion so weit fortgeschritten ist, dass ihnen die zum Teil selbstzerstörerische  Neigung ihres Wesens und das, der Welt nicht fremd ist.  Mit anderen Worten, wir glauben, dass sich der Widerspruch, den Bernhard seinerzeit noch zwischen Industriellen/ Finanzdienstleistern einerseits und Geistesmenschen andererseits gesehen hat, mittlerweile aufgelöst hat, so dass auch Bernhard, wenn er denn heute leben und arbeiten würde, sich eher einem Michael Burry oder Steve Eisman (siehe dazu Michael Lewis: The Big Short, New York 2010), als einem Vargas LLosa verbunden fühlen würde.

AE: Eine steile These. Denn, uns, dem Alter Ego, erscheint es vielmehr, als ob sich Bernhard hier und heute eher der Daseinsverachtung eines Michel Houellebecqs, als einem konträr gesinnten Finanzanalysten verpflichtet fühlen würde.  Immerhin findet bei Houellebecq ja tatsächlich eine Ich-Welt-Reflexion statt. Bei den Hugh Hendrys unserer Zeit ist es hingegen keineswegs klar, ob ihr philosophisches Erkenntnisinteresse über Donald Duck hinausreicht. Aber sei es, wie es sei, wir sind bereit einzuräumen, dass sowohl der Bernhardsche Geistesmensch, als auch der konträr investierende Hedgefonds-Einzelkämpfer ein gehöriges Maß an akrobatischer Risikobereitschaft, ja Selbstzerstörungsneigung braucht, um seine Arbeit zu tun.  Mehr noch, wir sind sogar bereit, einzugestehen, dass in beiden Fällen eine ungeheure und emanzipierte Daseinsdurchdringung nötig ist, die von Status verliebten Prachtexemplaren des Bürgerlichen nicht erreicht werden kann. Ob das aber bedeutet, dass es sich bei beiden Phänomenen im Kern um ein und dasselbe handelt, scheint uns durchaus fragwürdig zu sein.

Nd: Mag sein, dass die Realität in diesem Punkt noch nicht so weit ist, wie wir meinen, dass sie in sehr naher Zukunft sein wird. An der prinzipiellen Richtigkeit unserer These aber, wonach sich im Turbokapitalismus der Gegensatz zwischen Geistesmensch und Finanz-Daseins-Analyst immer weiter auflöst, halten wir nach wie vor fest. Und es wäre eine wunderbare Bestätigung unseres Denkens, wenn Thomas Bernhard, der im Übrigen New York gegenüber durchaus wohlgesinnt war, dies heutzutage genauso sehen würde.

AE: Mal angenommen, es wäre so, was würde Bernhard denn in diesem Fall von den aktuellen Ständen der Finanzmärkte halten?

Nd: Nun diese aktuellen Höchststände würde er ganz sicher verachten. Er würde behaupten, dass dieselben nichts mit unserer sozio-politischen Wirklichkeit zu tun haben, und dass es einzig und allein der betäubenden Liquiditätsflutung seitens zu wenig leidender Zentralbanker geschuldet ist, dass wir das Prekäre der gegenwärtigen Situation so wenig erkennen.

AE: Dem ist in der Tat nichts hinzuzufügen.

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