Die Euro-Krise wird es dann überwunden sein, wenn ein deutscher Kanzler französisch sprechen kann

Grundsatzbeobachtung, erstellt am 03.08 und veröffentlicht am 04.08.2012

Die mit Spannung erwartete Pressekonferenz, die EZB-Präsident Draghi am Donnerstag in Frankfurt gehalten hat, hat mehr denn je deutlich gemacht, dass die Lösung der Euro-Krise am Ende nicht finanzpolitischer oder wirtschaftstechnischer Natur sein kann, sondern dass es letztlich allein die Völkerverständigung selbst sein muss, welche den Euro aus seiner aktuellen Not befreit. Denn das, was heute die Überwindung der Euro-Krise verhindert, das sind nicht zuerst diese und jene Strukturreformen, die hier oder da noch durchgeführt werden müssen, sondern, dass, was den Euro im Kern belastet, ist vielmehr der Umstand, dass das Trauma der deutsch-französischen Vergangenheit nach wie vor nicht bewältigt ist. Denn immer noch verbindet sich die Idee wirtschaftlicher Liberalität in Frankreich all zu sehr mit dem Bild einer kaltherzigen, barbarisch-teutonischen Effizienz. Und immer noch fühlt man sich in Deutschland zu wenig von seinen Nachbarn geliebt, als dass man jetzt schon wie selbstverständlich bereit wäre, deren Verirrungen mit eigenen Mitteln zu begleichen.

Wenn es aber gelingen soll, den Franzosen die Furcht vor einem vermeintlich herzlosen Barbarenkapitalismus zu nehmen, und die Deutschen gleichzeitig aus der narzisstischen Störung zu befreien, die ihnen der Liebesentzug der Nachbarn eingebrockt hat, dann wird es dazu Politiker brauchen, die sich ernsthaft darum bemühen, die Sprache des jeweils anderen auch wirklich zu sprechen. Denn erst, wenn ein deutscher Kanzler die Herzen der Franzosen  direkt und unmittelbar erreichen kann, dann wird sich bei den Franzosen auch ein Gefühl des Verstandenwerdens einstellen können. Und so werden sie in diesem Fall auch den Mut zu einem existentiell-freiheitlichen Marktverständnis entwickeln können. Denn zu sehr werden sie nun an die eigene Gestaltungskraft auch glauben können, als dass sie sich jetzt noch von einem staatlichen Dirigismus bevormunden lassen wollen.

Solange es aber so ist, wie es ist, und man sich den Politikern des jeweils anderen Landes eher unverwandt nähert, solange wird sich auch die Euro-Problematik nicht lösen lassen. Denn nun werden die Völker einander zu fremd bleiben, als dass sie eine wirklich tragfähige Lösung werden finden können.

Für die nächste Generation unserer Politiker aber bedeutet dies, dass sie es nun nicht mehr dabei bewenden lassen können, nur die nationale Karriereleiter zu erklimmen. Vielmehr wird man jetzt von ihnen auch erwarten müssen, dass sie sich auch im internationalen Umfeld heimisch machen. Denn nur, wenn ihnen dies gelingt, dann werden sie ihrer nationalen Verantwortung auch gerecht werden. Und so wird man ihnen in diesem Fall denn auch ohne weiteres folgen können. Denn zu sehr werden sie nun das Problem der modernen Welt verstanden haben, als dass ihnen die Lösung desselben jetzt nicht auch gelingen wird.

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