Kann es für Zypern ein anderes Geschäftsmodell geben?

Dialog mit dem Alter Ego über das zypriotische Finanzdebakel

Frage vom Alter Ego von Noah denkt™ (AE): Im Tagesthemen-Interview vom 17 März sagte Bundesfinanzminister Schäuble sinngemäß, dass das Geschäftsmodell Zyperns, was darin besteht, von einem Finanzsektor zu leben, der seinerseits von niedrigen Steuern und günstigen rechtlichen Regelungen profitiert, nicht mehr tragfähig sei. Diese These wird mittlerweile von der Mehrzahl der nationalen und internationalen Beobachter geteilt. Was hält Noah denkt™ von dieser Analyse?

Antwort von Noah denkt™ (Nd): Na, ja, die Cayman Islands, die das fünftgrößte Bankenzentrum der Welt darstellen, und deren Währung (Achtung, Herr Klaus!) fest an den Dollar gekoppelt ist, leben weiter sehr gut mit dem zypriotischen Geschäftsmodell. Mit anderen Worten es ist nicht das Steuerparadies-Finanzsektor-Geschäftsmodell an sich, was in Zypern gescheitert ist, sondern es ist die Vorstellung, dass der Steuerzahler einen offshore-Finanzsektor zu retten hat, der sich im Rahmen einer Superblase verzockt hat, die sich in Zypern als nicht mehr tragfähig erwiesen hat.

AE: Was wäre denn in Zypern passiert, wenn der Staat nicht eingegriffen hätte?
Nd:  Nun Island bietet hier ein anschauliches Beispiel dafür, was hätte geschehen können, wenn man nicht im EURO-Raum verbandelt wäre, und man der Pleitewelle ihren freien Lauf gelassen hätte (siehe Fußnote***). Im Einzelnen hätte das nämlich bedeutet, dass die Anleger der in den Konkurs gegangehen Banken ihr Geld (zu einem gewissen Teil) verloren hätten; der Staat hätte enorme Einbrüche bei den Steuereinnahmen zu verzeichnen; die zypriotische Wirtschaft würde keine Kredite mehr bekommen, die Arbeitslosigkeit wäre gestiegen, und die Armut hätte zugenommen. Aber, und das ist wichtig hinzuzufügen, früher oder später wäre es wie in Island auch (siehe Fußnote***) dazu gekommen, dass sich die Wirtschaft erholt und neues (Schwarz-) Geld nach Zypern geflossen wäre.

AE: Wieso würde wieder neues Geld nach Zypern fliessen. Immerhin hat der Standort doch eine Vertrauenskrise durchgemacht? Und außerdem kann doch niemand sagen, ob sich die Zyprioten ein weiters Mal  derart vom Finanzsektor abhängig machen wollen.

Nd: Erstens, Kapital ist immer auf der Suche nach offshore-Anlagemöglichkeiten. Und Zypern bietet in diesem Zusammenhang durchaus Vorteile, wie z.B die Nähe zur EU, zum mittleren Osten und zum orthodoxen Russland. Zweitens, wir sind der Ansicht, dass das Finanzparadies-Geschäftsmodell für Zypern die einzige Möglichkeit ist, eine Erste-Welt-Prosperität zu erreichen, die, und das geben wir gerne zu, sicher äusserst Blasen anfällig ist.

AE: Warum sieht das Herr Schäuble nicht so?

Nd: Weil er nach wie vor der irrigen Auffassung von einer guten, sogenannten, Realwirtschaft einerseits und einer bösen Spekulationswirtschaft andererseits anhängt. (Siehe dazu auch sein Dauerverbot nackter Leerverkäufe). Diese Auffassung aber wird unserer Meinung nach der Realität unserer komplexen Welt nicht mehr gerecht. Denn die Dinge sind in unserem Superchaos so kompliziert geworden, dass es einfach einer gut strukturierten und breit aufgestellten Spekulationsindustrie bedarf, um den Sachverhalten noch einigermassen auf den Grund gehen zu können.

AE: Aber wäre es für Zypern nicht dennoch besser, sich den Wohlstand mittels einer soliden „Realwirtschaft“ zu verdienen? Immerhin wäre das Land ja in diesem Fall weniger in der Gefahr, einer neuerlichen Spekulationsblase zum Opfer zu fallen.

Nd: Na, ja um eine mittelständische Industriekultur wie in Deutschland aufzubauen, braucht es auch die entsprechenden Bedingungen. Da ist es z.B. nötig, einen gewissen Facharbeiter-Ausbildungsstand vorzuweisen; weiterhin braucht es eine Kultur und Lebensweise, die mit der Idee industrieller Produktion im Einklang steht; und es würde auch einer Industrie bedürfen, die das Landschaftsbild nicht so sehr verschandelt, dass darunter der andere große Erwerbssektor der Insel, nämlich der Tourismus, leiden müsste. Das alles ist in Zypern kaum vorstellbar.

AE: Na, wie wär’s etwa mit Alternativstrom generierenden Betrieben, deren Produkte dann auch nach Nordeuropa exportiert werden könnten?

Nd: Bisher hat’s diesbezüglich keine ausländischen Investoren gegeben. Warum soll das also in der Zukunft der Fall sein? Außerdem könnte es hier schon einen Landschaftsbildkonflikt geben.

AE: Und vom Tourismus allein kann Zypern nicht gut genug leben?

Nd: Scheinbar nicht.

AE: Bleibt also nur der Hinweis, dass sich die wackelige EURO-Währungsunion um ihrer selbst Willen kein Spekulations anfälliges Steuerparadies vor der Haustür leisten kann, weil dann die Pleitewellen-Ansteckungsgefahr zu groß ist.

Nd: Stimmt! Deshalb hätten wir Zypern geraten, mit der EU über einen geordneten Ausstieg aus dem EURO zu verhandeln, statt sich auf die Abwicklung des offshore-Finanzgeschäftsmodells einzulassen.

———————————————–

Fußnote***: Auszug aus:  Wie Island dem Staatsbankrott entkam (Von Alexander Budde, ARD-Hörfunkstudio Stockholm in: http://www.tagesschau.de/wirtschaft/island342.html)

Im Herbst 2008 geriet die kleine Inselnation Island in ihre bislang schwerste wirtschaftliche und politische Krise. Vor allem die drei Großbanken Glithnir, Kaupthing und Landsbanki hatten über Jahre hinweg einen aggressiven Expansionskurs verfolgt. Anleger aus aller Welt wurden mit traumhaften Renditen gelockt. Doch der Zusammenbruch der US-Investment Bank Lehman Brothers und die panische Kapitalflucht in seinem Gefolge brachte dann das abrupte Ende dieses fragwürdigen Geschäftsmodells. (…). Eine Rettung ihrer verstaatlichten Pleitebanken durch die Steuerzahler wie von den ausländischen Gläubigern gefordert, lehnen die bedrängten Politiker ab. Sie wäre wohl auch eine Illusion geblieben, denn die Banken hatten Verbindlichkeiten angehäuft, deren Gesamtvolumen in etwa dem Zehnfachen der Wirtschaftsleistung des Landes entsprachen. (…)Die Isländer selbst traf die Krise mit voller Härte. Ihre Regierung erhöhte die Steuern und kürzte die Löhne. Die Einkommen wurden zusätzlich durch die rasante Preissteigerung entwertet. Auch viele Isländer verloren in den kollabierenden Banken ihre Ersparnisse. Ihre Währung wurde massiv abgewertet. (…) Die Schuld am Desaster lasten die Isländer aber nicht nur den Bankern und der Bankenaufsicht, sondern vor allem auch ihren mit der Szene eng verbandelten Politikern an. Auf dem Höhepunkt der Revolte wurden Parlament und Regierungsgebäude belagert, die Zentralbank gestürmt. Die Liberal-Konservativen um Haarde wurden aus dem Amt getrieben. 

Es ist der links-grünen Nachfolgeregierung vergönnt, erstaunliche Fortschritte bei der Genesung des einstigen Krisenlandes zu verkünden: Die Neuordnung des Bankensektors ist abgeschlossen. Die zur Stabilisierung der Landeswährung eingeführten Kapitalverkehrskontrollen werden gelockert. Ein Beistandskredit des Internationalen Währungsfonds und skandinavischer Nachbarländer konnte vorzeitig getilgt werden. Auf dem Kapitalmarkt werden wieder erfolgreich Staatsanleihen platziert. Der schwache Kurs der Krone lockt Touristen aus aller Welt ins Land der Geysire und Vulkane. (…)”Wie gut, dass wir nicht den Euro haben”, sagt Schriftsteller Hallgrimur Helgason. “Und wie gut, dass wir standhaft geblieben sind”, fügt er hinzu. “Die Krise hat uns gut getan, weil die Menschen in einer falschen Realität lebten, weil sie in Luftschlössern wohnten. Dann ist alles zusammengebrochen. Und so kehren wir nun zu unseren Wurzeln zurück.”

 

 

This entry was posted in Euro-Krise, Finanzen, Internationale Beziehungen, Kapitalismus, Politik and tagged , , , , , . Bookmark the permalink.

Comments are closed.