Warum die Idee eines Nord- und Süd-EUROs falsch ist!

„Was Deutschland betrifft, es wäre schrecklich für alle, wenn dieses Land einmal vereint von einer einzigen Monarchie beherrscht würde.“ Sir Thomas Overbury: ”Observations on His Travels“ (1609) in: Stuart Tracts 1603-1693 (siehe Fußnote *)

In Deutschland scheint die Idee von Hans-Olaf Henkel, die kränkelnde Einheitswährung EURO in einen Nord- und Süd-EURO aufzuspalten (siehe Fußnote **), immer mehr Zuspruch zu finden. Dieser Vorschlag aber verkennt historische Grundtatsachen, die für das Verständnis und die Funktionsfähigkeit des EUROs von essentieller Bedeutung sind. Diesen eigentlichen Kern des EUROs kann man wie folgt zusamen fassen:

  1. Der EURO ist nicht das Produkt träumerischer Vorstellungen von der Einheit Europas, sondern er existiert deshalb, weil damit das alte Problem Europas, nämlich die unangemessene Größe Deutschlands gelöst werden soll. Nach wie vor gilt nämlich das Bismarck-Wort, wonach Deutschland für die Vorherrschaft in Europa zu klein, und für das Gleichgewicht in Europa zu groß ist. Mit anderen Worten, der EURO ist der Versuch, dieses zu mächtige Deutschland derart in Europa einzubinden, dass damit eine friedlich, schieldliche Koexistenz auf dem alten Kontinent möglich wird.
  2. Weil es aber so ist, dass hinter dem EURO knallharte, machtpolitische Interessen stehen, ist es illusorisch, zu glauben, dass Belgien, die Niederlande und selbst Luxemburg bereit sein könnten, ihre Äquidistanz zu Frankreich und Deutschland aufzugeben, und sich mittels einer von Deutschland beherrschten Währungsunion überproportional an unser Land zu binden. (siehe Fußnote **) Denn gerade Belgien, um nur ein Beispiel zu nennen, hat in seiner Geschichte sowohl mit Frankreich, als auch mit Deutschland genug schlechte Erfahrungen gemacht, als dass es seine Schutzmacht jetzt noch auf dem Kontinent würde finden können. Nein, wer die Geschichte kennt, der weiss, dass Belgien seine Unabhängigkeitshoffnungen eher auf Großbrintannien gründet. Und so wird es also nicht im nationalem Interesse Belgiens liegen können, die bisherige  gleichgewichtige Skepsis gegenüber den großen kontinentalen Nachbarn aufzugeben. Ja, man wird sich sogar sicher sein können, dass Belgien niemals der alten europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beigetreten wäre, wenn selbige nicht von der Idee der französisch-deutschen Vernetzung geprägt gewesen wäre.
  3. Im Übrigen wäre auch Frankreich aller Voraussicht nach nicht bereit, einem Nord-EURO beizutreten,  weil es aus gegenwärtiger Sicht zu sehr fürchten müsste, vom schieren ökonomischen Gewicht Deutschlands erdrückt zu werden. Stattdessen kann man sich sicher sein, dass Frankreich nicht auf Italien und Spanien verzichten wird, weil es unter den gegebenen Umständen nur so ein halbwegs funktionierendes Gegengewicht zum protestantischen Berlin aufbauen kann.
  4. Da der Henkel-Vorschlag aber die historischen Gründe für den EURO falsch analysiert, würde der Versuch, die Nord-EURO-Idee dennoch umzusetzen, notwendigerweise zu einer politischen Isolierung Deutschland führen. Diese Isolation kann aber wenigstens mittelfristig in niemandes Interesse sein.
  5. Leider nimmt die historische Ignoranz über die wahren Gründe, die hinter dem EURO stehen, in Deutschland immer mehr zu. Ja, man muss sogar befürchten, dass selbst in Berlin das Problem des für Europa zu großen Deutschlands nicht deutlich genug gesehen wird. Denn wer sich die derzeitige Entrüstung der Südeuropäer über die deutsche EURO-Politik genauer ansieht, der wird zu dem Ergebnis kommen, dass selbige nur zum Teil durch das an sich richtige Berliner Beharren auf Sparsamkeit hervorgerufen wird. Denn der eigentliche Grund, warum man sich im Süden Europas gegen das „deutsche Diktat“ auflehnt, ist der, dass man dort den Eindruck hat, als ob man sich in Deutschland nicht mehr des Umstands bewusst wäre, dass es gerade die deutsche Größe ist, welche den EURO notwendig machte, und so die aktuellen wirtschaftlichen Spannungen hervorgerufen hat. Ja, wir sind der festen Überzeugung, dass ein klareres, deutlicheres und historisch geprägteres Erklären der Sparsamkeitsnotwendigkeit auch in Südeuropa schlussendlich verstanden würde. Auf eine solche empathische Gründlichkeit warten wir aber bis heute vergeblich.
  6. Zu guter Letzt wird man erkennen müssen, dass der Henkel-Vorschlag auch in ökonomischer Hinsicht nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Denn zu sehr wird hier davon ausgegangen, dass Länder sich nicht neu erfinden, und alte, links orientierte Abwertungsneigungen nicht überwunden werden können. So wird man an dieser Stelle etwa auf das jüngere Erfolgsbeispiel Lettlands verweisen können, um den Nachweis zu führen, dass die stereotype Sichtweise des Herrn Henkel unangemessen ist. (siehe Fußnote ***) Aber auch ein Blick in die ältere Vergangenheit zeigt, dass Staaten sich ungewöhnlich stark verändern können. So vermag sich Noah denkt™ noch gut daran erinnern, wie selbst das freiheilich gesinnte Großbritannien Anfang der 80er Jahre kurz vor dem Bürgerkrieg stand, als es darum ging, den Sprung vom staatlich gelenkten Versorgungsstaat in eine wahrlich liberale Wirtschaftsverfassung zu schaffen. Die Hoffnung, dass die Länder des Südens den Sprung in die Moderen bald schaffen können, ist also keineswegs aussichtslos. Allein, man wird ihnen die Notwendigkeit richtig und gut erklären müssen.

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Fußnote * : Diese Aussage von Sir Thomas Overbury wurde übernommen aus einem Zitat, in Henry Kissingers “Diplomacy“. Noah denkt™ lag die Kissinger Schrift nur in spanischer Ausgabe („La Diplomacia“) vor. Der Wortlaut des Zitats im Spanischen ist wie folgt: „  … en cuanto a Alemania, si estuviese por completo sometido a una monarquía, sería terrible por los demás.”   Henry Kissinger hat dieses Zitat seinerseits von Martin Wright; Power Politics, 1978, übernommen

Fußnote **: Zur Erklärung: In der gegenwärtigen Form sieht der Henkel-Vorschlag so aus, dass Deutschland, Österreich, die Benelux-Staaten und Finnland einen Nord-EURO, und alle übrigen einen Süd-EURO einführen sollten. (Siehe dazu auch die „Hart aber fair“- Talk-Runde der ARD vom 25.03)

Fußnote ***: Lettland ist es gegen alle keynesianisch geprägten Vorhersagen gelungen, mit einem radikalen Sparprogramm wieder auf einen erstaunlichen Wachstumskurs zu kommen.

 

 

 

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