Heinrich Heine und die Zukunft des Euros

Dialog mit dem Alter Ego über die währungspolitische Bedeutung der poetischen Mentalitätsanalysen Heinrich Heine

Nachtgedanken (Auszug) 

Denk ich an Deutschland in der Nacht, Dann bin ich um den Schlaf gebracht, Ich kann nicht mehr die Augen schließen, Und meine heißen Thränen fließen. (…) Gottlob! durch meine Fenster bricht Französisch heit’res Tageslicht; Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen, Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

Von Heinrich Heine (1843)

Frage vom Alter Ego von Noah denkt™ (AE): Wir haben uns zuletzt ein wenig mit dem Werk von Heinrich Heine beschäftigt. Insbesondere seine Studien zum Mentalitätsunterschied zwischen Deutschland und Frankreich scheinen uns für die Zukunft des EUROs durchaus relevant zu sein. Immerhin gehen ja die Verfechter des EUROs, zu denen auch unser Noah denkt™-Projekt gehört, davon aus, dass die gemeinsame Währung deshalb überleben wird, weil sich die wirtschaftspolitischen Vorstellungen in den EURO-Ländern mit der Zeit weiter angleichen, und so die Produktivitätsunterschiede hüben und drüben nivelliert werden können. Unser wunderbarer Poet Heinrich Heine aber, der 1797 in Düsseldorf geboren wurde, und die letzten 25 Jahre seines Lebens in Frankreich verbracht hat, würde dem wohl nur schwer zustimmen können. Denn zu groß und althergebracht sind doch seiner Meinung nach die Kulturunterschiede, welche die beiden Schwergewichte im EURO-Raums kennzeichnen, als dass man diese jetzt noch ohne weiteres aus dem Weg würde räumen können.

Antwort von Noah denkt™ (Nd): Es stimmt, die Analysen von Heine, welche ja die angesprochenen Mentalitätsunterscheide schon auf der Ebene der mittelalterlichen Volks- und Heldensagen nachweisen (siehe Fußnote *), sind im Hinblick auf die Zukunft des EUROs durchaus Ernst zu nehmen. Denn ohne Zweifel wird man auch heute noch behaupten können, dass es zwischen Deutschland ein beträchtliches Rigiditäts- und Schwermutsgefälle gibt. Dennoch meinen wir, dass es auch im Sinne Heines wäre, sich vom EURO die allmähliche Nivellierung dieses Daseinsempfindens zu versprechen.

AE: Wieso das?Nd: Na, ja, Heine ist es doch schlussendlich auch darum gegangen, eine Verständnis- und Ausgleichsbrücke zwischen Diesseits und Jenseits des Rheins zu schlagen. Immerhin ist er doch fest davon überzeugt gewesen, dass es möglich ist, die universalen Ideen der französischen Revolution nach Deutschland zu exportieren, so wie er auch fest daran geglaubt hat, dass man den Franzosen die „weltwichtige“ (siehe Fußnote **)  deutsche Philosophie nahebringen muss. Ja, es kann keinen Zweifel daran geben, dass Heine ein Anhänger des Fortschrittsglaubens war, und dass er für uns alle eine Lebenswirklichkeit vorhersah, in der die Menschen universal frei, und in universaler Harmonie mit sich, ihrer Sinnlichkeit und den Anforderungen des Verstandes leben würden. (siehe Fußnote ***) Mit anderen Worten, nichts von dem, was Heine richtigerweise als lang tradierte Mentalitätsunterschiede im deutsch-französischen Verhältnis beschreibt, hält er selbst für unüberwindbar.

AE: Aber was hat der EURO mit Heines ausbalanciertem Verstandes- und Sinnlichkeitsparadies zu tun, dem Noah denkt™ im Übrigen ja schon wegen seiner eigenen Nähe zum kantischen Pflichtgedanken skeptisch gegenüber stehen muss?

Nd: Nun was spricht dagegen, das der EURO eine von jenen „politischen Institutionen“ ist (siehe Fußnote ***), die Heine als Voraussetzung zur Glückseligkeit empfunden hat?

AE: Na,ja die aktuelle Realität des EUROs ist allerdings keineswegs Harmonie stiftend. Stattdessen sehen wir, dass der schwermütige, in den Tiefen von Gemüt und Existenz wabernde deutsche Geist, auf eine fiskalpolitische Strenge setzt, die vom leichtfüßig-heiteren, sonnendurchfluteten Süden nur als empörendes teutonisches Diktat empfunden wird. Wie kann man da im EURO noch ein angemessenes Fortschrittsinstrument erkennen?Nd: Man kann den EURO deshalb in diesem Sinne sehen, weil ja auch Heines universale Zukunftshoffnung nicht ohne die Hinnahme schmerzlicher, revolutionsartiger Umwälzungen auskam.

AE: Mit anderen Worten, der EURO mutiert jetzt zu einem revolutionären Versatzstück, das die letzte Lücke im deutsch-französischen Mißverhältnis schliessen soll?

Nd: Na, ob es die letzte Lücke ist, die hier geschlossen wird, das wollen wir dahin gestellt lassen. Dass es aber ein wichtige Lücke ist, die vom EURO gerade wegen der starken Vernunftgründe, die für ihn sprechen, geschlossen wird, das steht für uns außer Frage.

AE: Bleibt also nur noch der Hinweis, dass die von Heine für Deutschland ersehnte Revolution, wenn überhaupt, erst viel, viel später kam, als er das selbst wohl gemeint hat. Was gibt Noah denkt™ also die Gewissheit, dass es mit der EURO-Angleichung nicht ähnlich lange dauern wird?

Nd: Es ist der Druck der wirtschaftlichen Realität, die der Weltmarkt ausübt, der uns optimistisch stimmt.

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Fußnote *: Siehe Heinrich Heine, Sobre la historia de la religión y la filosofía en Alemania, Allianza Editorial, Madrid, 2008, Seite 60 

Fußnote ** : „Die Fürsten, welche die Reformation annahmen, haben diese Denkfreiheit legitimisiert, und eine wichtige, weltwichtige Blüte derselben ist die deutsche Philosophie. –  Zitat aus Heinrich Heine: “ Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, Erstes Buch“ , siehe: http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Essays+I%3A+Über+Deutschland/Zur+Geschichte+der+Religion+und+Philosophie+in+Deutschland/Erstes+Buch oder, in der uns vorliegenden Ausgabe: Sobre la historia de la religión y la filosofía en Alemania a.a.O., Seite 87  

Fußnote ***: „„Diese Weltansicht, die eigentliche Idee des Christentums, hatte sich, unglaublich schnell, über das ganze römische Reich verbreitet, wie eine ansteckende Krankheit, das ganze Mittelalter hindurch dauerten die Leiden, manchmal Fieberwut, manchmal Abspannung, und wir Modernen fühlen noch immer Krämpfe und Schwäche in den Gliedern. Ist auch mancher von uns schon genesen, so kann er doch der allgemeinen Lazarettluft nicht entrinnen, und er fühlt sich unglücklich als der einzig Gesunde unter lauter Siechen. Einst, wenn die Menschheit ihre völlige Gesundheit wiedererlangt, wenn der Friede zwischen Leib und Seele wiederhergestellt und sie wieder in ursprünglicher Harmonie sich durchdringen, dann wird man den künstlichen Hader, den das Christentum zwischen beiden gestiftet, kaum begreifen können. Die glücklichern und schöneren Generationen, die, gezeugt durch freie Wahlumarmung, in einer Religion der Freude emporblühen, werden wehmütig lächeln über ihre armen Vorfahren, die sich aller Genüsse dieser schönen Erde trübsinnig enthielten und, durch Abtötung der warmen farbigen Sinnlichkeit, fast zu kalten Gespenstern verblichen sind! Ja, ich sage es bestimmt, unsere Nachkommen werden schöner und glücklicher sein als wir. Denn ich glaube an den Fortschritt, ich glaube, die Menschheit ist zur Glückseligkeit bestimmt, und ich hege also eine größere Meinung von der Gottheit als jene frommen Leute, die da wähnen, er habe den Menschen nur zum Leiden erschaffen. Schon hier auf Erden möchte ich, durch die Segnungen freier politischer und industrieller Institutionen, jene Seligkeit etablieren, die, nach der Meinung der Frommen, erst am Jüngsten Tage, im Himmel, stattfinden soll. Jenes ist vielleicht ebenso wie dieses eine törichte Hoffnung, und es gibt keine Auferstehung der Menschheit, weder im politisch-moralischen noch im apostolisch-katholischen Sinne.“ – Zitat aus: Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, Erstes Buch, siehe: http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Essays+I%3A+Über+Deutschland/Zur+Geschichte+der+Religion+und+Philosophie+in+Deutschland/Erstes+Buch) oder in der uns vorliegenden Buchausgabe: Sobre la historia de la religión y la filosofía en Alemania, a.a.O., Seite 58

 

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