Von Goethe und Voltaire bis zu Houellebecq und Bernhard

Ein vom EURO inspirierter deutsch-französischer Literaturvergleich

Es geht immer noch um Frankreich, und es geht immer noch um den Euro. Und natürlich steht nach wie vor die (sehr deutsche) Frage im Raum, ob denn die Wesensverwandtschaft zwischen Deutschland und Frankreich groß genug ist, damit die gemeinsame Währung auf Dauer tragfähig ist. Rekapitulieren wir, was wir diesbezüglich zu wissen glauben.

Man kann wohl sagen,  dass sich das französische Selbstverständnis insbesondere aus fünf historischen Grunderfahrungen speist:

  • Erstens, dem Erlebnis, Teil des Römischen Reiches gewesen zu sein und so wie selbstverständlich die Werte des Selbstvertrauens, der Eleganz und des kulturellen Feinsinns in sich aufgesogen zu haben.
  • Zweitens, die Erfahrung, quasi von Gott gegeben und daher durchaus wundersam den 100jährigen Krieg gegen England siegreich beendet zu haben. So verdichtet sich unter der Gestalt Jeanne d’Arcs der Eindruck ein von Gott auserwähltes Volk zu sein. (Siehe dazu auch Alexandre Y Haran, Le Lys et le Globe. Messianisme dynastique et rêve impérial en France aux XVIe et XVIIe siècles, Seyssel, 2000 S. 105 – 127)
  • Drittens, das Wissen, in der direkten Nachfolge Karls des Großen zu stehen, und so natürlich eine Führerschaft auf dem europäischen Kontinent beanspruchen zu können.
  • Viertens, der Stolz, die Neuzeit in Europa mit der französischen Revolution eingeleitet zu haben; und
  • Fünftens das Trauma, wiederholt der scheinbar unwiderstehlich-brachialen Gewalt des teutonischen Nachbarn und Eindringlings ausgesetzt gewesen zu sein.

Dem stehen auf deutscher Seite folgende historischen Grunderfahrungen gegenüber:

  • Erstens, das Wissen, der römischen Kultur zwar in Sachen Feinsinn, Eleganz und Leichtigkeit unterlegen zu sein, sich aber dennoch am Ende gegen dieselbe durchgesetzt zu haben.
  • Zweitens, die Erkenntnis, dass man seine Integrität in der Mitte des Kontinents nur dann bewahren kann, wenn man gut organisiert, diszipliniert und verlässlich ist.
  • Drittens, das Wissen, den Sprung in die freiheitliche Neuzeit zu spät getan zu haben,
  • Viertens, das Unbehagen darüber, ein für Europa zu großes Deutschland zu sein, und damit nur schwer akzeptiert zu werden:
  • Fünftens, die Scham darüber, den Stolz auf die eigene Nation mindestens zweimal skandalös falsch, also nicht sozialverträglich, gemanagt zu haben;
  • Sechstens, der Stolz darauf, trotz aller Verwerfungen, stets neu zu einer formidablen Kraft erstanden zu sein.

Wie sehr diese unterschiedliche historische Prägung auch heute noch einem gemeinsamen Währungsmanagement im Wege steht, das wird man womöglich durch einen Literaturvergleich ermessen können. Immerhin ist es ja Madame de Staël selbst gewesen, die uns im zweiten Teil ihrer Arbeit über Deutschland („De l’Allemagne“, 1813) gezeigt hat, wie wichtig die Literatur eines Volkes ist, um dessen Wesen zu erkennen. Und so wird es also nur legitim sein, wenn wir uns an dieser Stelle des Denkansatzes von Madame de Staël bedienen, um nun unsererseits eine Wesenentwicklungsstudie zu wagen. Dabei haben wir uns Interesse halber nicht nur auf einen deutsch-französischen Vergleich beschränkt, sondern auch die Literatur des angeblich so Finanzmarkt-kompatibleren anglo-amerikanischen Kulturraums miteinbezogen. (Victor Hugo!) Natürlich kann man von Noah denkt™ auch in diesem Falle nicht erwarten, hier eine über jeden Zweifel erhabene, wissenschaftlich Sicht der Dinge zu erstellen. Denn dazu haben wir uns viel zu sehr auf die Fahnen geschrieben, ganz bewusst aus der Hüfte zu schießen. Und so wird man von uns also nicht mehr, als den ganz normalen Menschenverstand erwarten können. Schauen wir uns also die Ergebnisse des Vergleichs der uns bekannten Literatur im Detail an.

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Bitte klicken Sie auf http://www.noahdenkt.com/noahdenktwFrance5.html um zur Vergleichstabelle zu gelangen. Das wordpress-Format erlaubt diese komplexe Darstellung nicht.

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Fazit des Vergleichs: Es gibt Divergenzen in der Literaturentwicklung der drei beschriebenen Kulturräume. Diese Divergenzen haben sowohl mit der Sprache an sich, als auch mit den unterschiedlichen Lebensweisen hüben und drüben zu tun. Denn dort, wo man sich in Deutschland eher schwerfällig durch die wabernden Nebelschwaden der Kartoffelprovinz schleppt, da findet man in Frankreich eine eher urban geprägte Feinheit und Leichtigkeit im Ausdruck, die schon wegen der sprachlichen Süffisanz einen lichten Eindruck macht. Natürlich drückt sich in alle dem auch eine andere Art der Selbstverständlichkeit des Daseins aus. Denn das deutsche Ringen, überhaupt erstmal eine Selbstverständlichkeit zu finden,  ist sowohl auf der anderen Seite des Kanals als auch jenseits des Rheins nur schwer nachzuvollziehen. Und dennoch wird man nicht verhehlen können, dass bei allen Unterschieden im Daseinsbegriff die Themen der Auseinandersetzung zunehmend parallel laufen. Denn nun sind die Herausforderungen, die sich den Menschen all überall stellen, globaler Natur. Und so macht es denn auch einen stets geringeren Unterschied, ob man sich mit diesen Inhalten aus der Perspektive des sonnen durchfluteten Paris, oder aus der, einer deutsch-österreichischen Mittelstadt stellt. Nein, die Hoffung bleibt, dass aus der gegenseitigen Befruchtung und Vermischung eine gemeinsame Identität entsteht, die klar, spritzig und tief zugleich das Eine mit dem Anderen verbinden kann.

 

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