Erinnern Sie sich an Axel Weber?

Dialog mit dem Alter Ego zur CSU-Kritik an Mario Draghi, erster Entwurf erstellt am 05.08., veröffentlicht am 06.08.2012

Frage vom Alter Ego von Noah denkt™ (AE): Die Pressekonferenz, die EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag, den 02.08. gehalten hat, hat eine deutliche Kritik des CSU-Generalsekretärs Dobrindt nach sich gezogen. Insbesondere wirft Herr Dobrindt dem Italiener Draghi vor, dass er in seinem Amt als EZB-Präsident eine nationale, italienische Interessenpolitik verfolge. Er bezieht sich hier auf den Umstand, dass der EZB-Präsident am Donnerstag seine Bereitschaft erklärt hat, unter bestimmten Umständen das frühere Staatsanleihe-Kaufprogramm der EZB notfalls auch gegen das Minderheitsvotum der Bundesbank zu reaktivieren. Was hält Noah denkt™ von dieser Kritik an Herrn Draghi?

Antwort von Noah denkt™ (Nd): Es stimmt schon, dass die gesamte Euro- und EU-Bürokratie (Juncker, EU-Komission, Draghi) in dieser Staatsschuldenkrise immer wieder versucht, gewissermaßen durch die Hintertür an deutsche Gelder heranzukommen, die unser Land von sich aus, so ohne weiteres nicht zu zahlen bereit ist. Allerdings sollte Deutschland bei aller Kritik an diesem Vorgehen nicht vergessen, dass der durchaus honorige Herr Draghi nur deshalb EZB-Präsident geworden ist, weil der zuvor dafür vorgesehene deutsche Kandidat Axel Weber überraschenderweise seinen Rücktritt als Bundesbankpräsident erklärt hat.

AE: Aber was hat der Rücktritt von Axel Weber mit der Kritik an Herrn Draghi zu tun?

Nd: Na, ja, wir finden, dass man hier durchaus argumentieren kann, dass Deutschland seine Chance gehabt hat, an prominenter Stelle genau die Politik zu verhindern, die Herr Draghi jetzt in der EZB umsetzen will. Und da es diese Chance ohne äußere Not nicht hat wahrnehmen wollen, wird sich unser Land jetzt auch nicht darüber beschweren können, wenn nun andere ihm ihre Meinungsbildung aufdrängen wollen. Ja, mit einem gewissen Recht wird man sogar behaupten können, dass sich Deutschland auch wissentlich darin gefügt hat, dass jetzt andere darüber entscheiden, wie groß der Verschuldungsgrad letztlich sein wird, den Deutschland für Europa zu übernehmen hat. Denn immerhin sind die Lasten, die Deutschland hier aufgebürdet werden sollen, von einer solch’ schicksalhaften Ungeheuerlichkeit, dass kein Deutscher dafür ehrlicherweise die Verantwortung übernehmen kann.

AE: Ist das nicht eine übertrieben steile Argumentation? Immerhin ist es doch eine persönliche Karriereentscheidung des Herrn Weber gewesen, die ihn dazu gebracht hat, den Bundesbankvorsitz aufzugeben, und stattdessen das Amt des UBS-Vorstandsvorsitzenden anzunehmen. Das hat doch mit etwaigen wissentlichen oder halbwissentlichen Motiven des deutschen Volkes nichts zu tun.

Nd: Nee, nee, so einfach ist das nicht. Denn auch, wenn Herr Weber als UBS-Vorstandsvorsitzender mehr Geld verdienen kann, dann wird er hier doch nicht dieselbe Prestige trächtige Rolle übernehmen können, die er als EZB-Präsident innegehabt hätte. Nein, wenn Herr Weber sich seinerzeit gegen diese EZB-Aufgabe entschieden hat, dann wird es auch etwas damit zu tun gehabt haben, dass er wusste, wie sehr er wohl zwischen den verschiedenen privatwirtschaftlichen, nationalstaatlichen und EU-gemeinschaftlichen Interessen zerrieben werden wird. Und so ist es also nicht zu weit hergeholt, wenn man hier argumentiert, dass angesichts der deutschen Geschichte und der in Rede stehenden Summen kein Deutscher in der Lage wäre, dem Druck standzuhalten, dem er zu diesem Zeitpunkt auf dem EZB-Chefposten ausgesetzt wäre.

AE: Mal angenommen, es ist so, wie Noah denkt™ dies hier darstellt, bedeutet dies dann auch, dass Deutschland mit dem Rücktritt der Professoren Weber und Stark, das Recht verwirkt hat, jetzt noch den EZB-Präsidenten kritisieren zu dürfen?

Nd: Kritisieren darf man durchaus weiter. Allerdings sollte man aufpassen, wie voll man den Mund dabei nimmt.

AE: Und Noah denkt™ meint, dass der Herr Dobrindt hier mit seiner Kritik zu weit gegangen ist.

Nd: Eher nicht. Denn immerhin hat er damit doch eine Debatte angestoßen, die in Deutschland noch geführt werden muss, nämlich die, ob man bereit ist, sich den europäischen Schlamassel ganz und gar aufzuhalsen, oder nicht.

AE: Noah denkt™ hat sich in dieser letzteren Frage ja bereits positioniert.

Nd: So ist das. Denn wir sind tatsächlich der Meinung, dass es selbst in einem Desasterszenario für Deutschland am Ende besser ist, mit allen gemeinsam zusammen unterzugehen, als in einem störrischen Nachgang ohnehin in diesen Abgrund gerissen zu werden.

AE: Aber wird es nicht immer so sein, dass Deutschland so oder so die Schuld für alles angelastet wird, was in Europa schief geht?

Nd: Na, ja, bei einem gemeinsamen Untergang bestände wenigstens die Hoffnung, dass Deutschland aus der Buhmann-Rolle in Europa heraustreten kann. Diese, wenn auch kleine, Hoffnung besteht im anderen Falle ganz gewiss nicht.

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