Zynismus und Finanzmarktspekulation

Dialog mit dem Alter Ego über die Telefonmitschnitte bei der Anglo-Irish-Bank

Frage vom Alter Ego von Noah denkt™ (AE): In diesen Tagen hat die Irish Independent (http://www.independent.ie) Mitschnitte von abgehörten Telefongesprächen aus dem Jahr 2008 veröffentlicht, in denen Vorstände der mittlerweile untergegangenen Anglo-Irish Bank, über staatliche Rettungsgelder und ihren Bank-internen Kapitalbedarf frotzeln. Schockierend ist dabei der zynisch-ironische Zungenschlag, mit dem sie sich nicht zuletzt auch über die deutschen Retter lustig machen. Der Inhalt der Mitschnitte hat empörte Reaktionen seitens der Politik, sowohl in Irland, als auch in Deutschland, hervorgerufen. Gerade Finanzmarkt-kritische Beobachter nehmen die zynische Kaltschnäuzigkeit der Anglo-Irish-Banker jetzt zum Anlass, weitere Maßnahmen zur Eindämmung der Bankenmacht zu fordern. Was sagt Noah denkt™ zum Tonfall der nun bekannt gewordenen Telefongespräche?

Antwort von Noah denkt™ (Nd): Es überrascht uns nicht, dass Finanzmarkt-Profis untereinander in dieser zynischen (Tollhaus-)Art über die Lage sprechen.  Dass dem so ist, hat etwas mit der Natur des Deutungs- und Spekulationsgeschäftes an sich zu tun. Denn um die Waghalsigkeit der letztlich ungewissen, eigenen Tätigkeit auszuhalten, muss man sich und anderen fortwährend vormachen, über den Dingen zu stehen und mit allen Wassern gewaschen zu sein. Diese Notwendigkeit besteht insbesondere dann, wenn man sich als Angestellter im Bank-internen, also im korporativen Machtpoker, behaupten muss, und man sich obendrein mit einem besonders hysterischen Markt- und Sozialumfeld bewegt.
AE: Mit anderen Worten, Noah denkt™  kann in den bekannt gewordenen Tapes keine Entgleisung feststellen?

Nd: Sagen wir so: Unsere Entrüstung diesbezüglich hält sich in Grenzen. Natürlich würde man sich im Sinne eines vernünftigen Führungshandelns wünschen, dass die Betreffenden  den Boden der Seriosität nicht verlassen. Das Problem ist aber, dass es keineswegs leicht ist, nüchtern und seriös zu bleiben, wenn der Eindruck entsteht, als ob die ganze Welt aus den Fugen geraten sei.

AE: Moment mal! Es ist doch nicht die Welt, die aus den Fugen geraten ist, sondern es ist die unkontrollierte Macht der Finanzmärkte, die selbiges ist!

Nd: Es ist immer leichter, einen Sündenbock zu suchen,  anstatt sich der tristen Wahrheit ehrlich zu stellen. Nee, nee, es sind keineswegs nur die Finanzmärkte, die aus dem Ruder laufen, sondern es ist unsere Epoche insgesamt, die dieses tut. Man denke nur an die Umwälzungen, welche die Neuen Medien geschaffen haben; oder man vergegenwärtige sich den Umstand, dass päpstliche Kammerdiener mittlerweile untreu werden,  dass Priester Schutzbefohlene missbrauchen, das ein Bundespräsident einfach so zurücktritt, dass sich eine Partei gründet (Piraten), die inhaltlich gar nicht weiss, wofür sie eigentlich steht, um zu verstehen, wie chaotisch und schwierig unsere Welt geworden ist. Da wird man es nicht beim Hinweis auf die Finanzmärkte belassen können, um die anarchischen Tendenzen zu beschreiben.

AE: Alles was hier an Beispielen aufgeführt wurde, sind Einzelfälle, die nicht die Regel bestätigen.

Nd: Ach nee, es stimmt also nicht, dass die öffentliche Meinung selbst opportunistisch ist, und heute dieses und jenes fordert, um sich gleich morgen darüber zu beklagen, dass selbiges auch geschehen ist?

AE: Wo soll das denn passiert sein?

Nd: Na, man nehme nur die aktuelle Diskussion, um die westliche Haltung im syrischen Bürgerkrieg. Denn hier beklagen sich die Menschenrechtler ja gerne darüber, dass der Westen (insbesondere die USA) nicht mehr tut, um das Schlachten zu beenden. Tut er dies aber, wie nun mit den jüngsten amerikanischen Waffenlieferungen an die Opposition geschehen, sind es nicht selten dieselben, die eigentlich ein Eingreifen fordern, welche sich nun dagegen wehren, dass hier „wie in Afghanistan derselbe Fehler begangen wird“, nämlich das Kräften Waffen zur Verfügung gestellt werden, die diese später gegen den Ausrüster selbst richten werden.

AE: Was ist so falsch daran, den an sich Abhör-eifrigen Nachrichtendiensten des Westens vorzuwerfen, dass sie besser wissen müssten, mit wem sie paktieren können, und mit wem nicht?

Nd: Falsch daran ist, zu glauben, dass die Lage im Krieg jemals glasklar ist. Mit anderen Worten, es ist hier, wie in anderen Fällen auch unangemessen, Perfektionsmaßstäbe anzulegen, die an sich ohnehin nicht von dieser Welt sind.

AE: Also, es sind wieder einmal nicht die Banken, die das Problem schaffen, sondern wir, die pluralistische Öffentlichkeit, die dieses tut?

Nd: Jedenfalls ist diese Öffentlichkeit nicht so unschuldig, wie sie gerne tut.

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