Vermarktungsstrategien oder Gottesurteil?

Dialog mit dem Alter Ego, über die Herstellung von Erfolg in der Massengesellschaft

„Wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führt, bei denen, die nach seinem ewigen Plan berufen sind; denn alle, die er im voraus erkannt hat, hat er auch im voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene von vielen Brüdern sei. Die aber, die er vorausbestimmt hat, hat er auch berufen, und die er berufen hat, hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.“

Römer 8,28–30

Frage von Noah denkt™ (Nd): Was haben Denker, Propheten und Lichtgestalten wie Jesus Christus, Buddha, Mohammed, Steiner, Heidegger, Sartre und Nietzsche, um nur einige zu nennen, gemeinsam?

Antwort vom Alter Ego von Noah denkt™ (AE): Es handelt sich bei ihnen um geistige Größen, denen man unterstellt, dass sie eine Weisheit anzubieten haben, die zu untersuchen und zu studieren lohnt.

Nd: Und warum wird den Betreffenden unterstellt, dass sie diese wichtige Weisheit anzubieten haben?

AE: Weil sie zum Weltdenkererbe gehören, bzw. weil ihre Lehre von den Zeit- und Zunftgenossen als wichtig und relevant anerkannt wurde und wird.

Nd: Richtig. Es gibt also zwei Gradmesser für die Qualität einer Weisheit, und die wären, erstens, der immanente Tiefsinn der vorgetragenen Lehre, und zweitens der beständige, weltliche Erfolg derselben beim chaotischen Chor der Kritik.

AE: Mit anderen Worten, eine Lehre kann noch so tiefsinnig und relevant sein, wenn sie es nicht schafft bei den Zeitgenossen Erfolg und Anerkennung zu finden, dann wird sie nicht als wichtig und bedeutsam angesehen.

Nd: So ist das. Der Erfolg adelt, und nicht ohne Grund sind die späteren Calvinisten zu der Auffassung gekommen, dass diesseitiger Erfolg ein Hinweis darauf sei, ob man zu den von Gott Auserwählten gehört oder nicht.

AE: Alles richtig, aber wo ist das Problem?

Nd: Das Problem ist, dass die Unverzichtbarkeit weltlichen Erfolges eben auch dazu führt, dass sich in unserer Epoche eine umfängliche Kultur der Erfolgsherstellung entwickelt hat. Diese beginnt bei der Spezialisierung im Bereich Verpackung und Design; es setzt sich fort mit Fragen des Business Developments, der Vermarktung, der Verkaufsstrategien (Call Center-Kampagnen?), der Werbung, des Product Placements, der Selbstinszenierung, der PR-Strategie und so weiter und so fort.

AE: Das ist nun mal so in einer Massengesellschaft, wo es keineswegs selbstverständlich ist die Aufmerksamkeit der Menschen und sei es auch des Nächsten zu finden.

Nd. Sicher, aber es kann ja wohl nicht angehen, dass man seine heilige Weisheit erst mit allerlei eitler Selbstbeweihräucherung im Markt „positionieren“ muss, ehe dieselbe dann auch den Erfolg hat, der sie letztlich als  „heilig“ und „weise“ anerkennt.

AE: Was spricht gegen die aktive Vermarktung der eigenen, mit aller Aufrichtigkeit entwickelten Weisheit. Immerhin hat ja auch Jesus Christus selbst, die Unterstützung bereits vorhandener Stars (Stichwort: Johannes der Täufer) gesucht, um bei den Zeitgenossen Glaubwürdigkeit zu erheischen.

Nd: Erstens ist es so, dass Eitelkeit und Aufmerksamkeitsgedrängel das Gegenteil von Tiefgründigkeit und Deutungskraft sind. Denn diese relevante Deutungskraft gewinnt man eben nicht, weil man sich um seine Verpackung sorgt, sondern weil man sich einer Selbst- und Weltanalyse stellt, die tiefe, nicht photogene Furchen im Gesicht hinterlässt. Und zweitens deutet nichts im Evangelium darauf, dass Jesus den Täufer aus Selbstvermarktungsgründen aufgesucht hat.

AE: Mit anderen Worten, eine wirkliche wichtige Philosophie darf den Erfolg nicht umgarnen, um ihn dann auch haben zu können.

Nd: So ist das. Ja, man wird sogar noch einen Schritt weitergehen, und behaupten müssen, dass es gerade der Verzicht auf eine Anbiederung der eigenen Philosophie ist, in der sich ihre Größe am meisten zeigt.

AE: Aber ist das nicht eine Quadratur des Kreises? Wie soll denn gerade in einer stets tumber werdenden Massengesellschaft die Anerkennung kommen, wenn man um diese nicht buhlen will?

Nd: Na, ja, wahrscheinlich muss die Sache auch und gerade in unserer betriebswirtschaftlich Welt durch ein Gottesurteil entschieden werden.

AE: Noah denkt™ will also dem Herrgott die Vermarktung seiner selbst überlassen?

Nd: So ist das.

AE: Na, mit diesem Ansatz wird man sicher keinen Businessplan-Wettbewerb gewinnen können.

Nd: Mag sein. Aber einen anderen Weg kann es für uns nicht geben.

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