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Was ist Depression?
Versuch einer Begriffsdeutung aus Anlass des Todes von Robert Enke, erster Entwurf erstellt am 12.11.,
veröffentlicht am 15.11.09
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Der Freitod des sympathischen Nationaltorwarts Robert Enke hat uns dazu gebracht, einmal darüber
nachzudenken, was denn eine Depression im Kern wohl ist. Denn in der Tat wird, wer hier um Verständnis ringt,
ja nicht verkennen können, dass das Wort von der Depression, wenigstens im allgemeinen Sprachgebrauch,
sowohl für die Beschreibung einer momentanen Niedergeschlagenheit, wie auch für die tiefdunkle Verzweiflung
gebraucht wird, die nicht anders kann, als sich mit akuten Selbstmordgedanken auseinander zu setzen. Dass es
sich bei dieser ersten momentanen Niedergeschlagenheit aber bereits um eine krankhafte Form der Depression
handelt, welche therapeutischer Hilfe bedarf, wird man sicher nicht sagen können. Denn natürlich gehört es ja zu
einem vernünftigen Menschsein dazu, dass seine Vorhaben scheitern, Pläne sich als falsch erweisen, und
Hoffnungen im Nichts zerplatzen. Ja, man wird sogar sagen müssen, dass es einer gewissen Ratlosigkeit,
Antriebslosigkeit und Verzweiflung bisweilen sogar bedarf, um in der Kontemplation die Kraft schöpfen zu können,
neue Bewältigungsstrategien zu ersinnen, und eine belastbare, neue Perspektive für sich selbst zu entwickeln.

Und doch, so sehr es auch so sein mag, dass nicht jede Niedergeschlagenheit in einer krankhaften Depression
mündet, so sehr sind doch die Grenzen zwischen beiden Zuständen fließend, und so wichtig ist es, dass der, der
sich in dieser momentanen Verzweiflung findet, davon weiß, dass er in der Tat gefährdet ist. Denn am Ende wird
er selbst die Furcht vor einem möglichen Abrutschen in die Krankheit noch dazu ausbeuten müssen, sich über
seine sonstigen Ängste und Zögerlichkeiten erheben zu können, als dass er sich hier eine allzu große
Sorglosigkeit wird erlauben können.

Damit aber wären wir auch bei dem angekommen, was die krankhafte Depression im Kern ausmacht. Es ist dies
die tief empfundene und überzeugte Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit der eigenen Existenz, in der sich
derjenige wähnt, welcher von der krankhaften Depression befallen ist. In diese existentiell empfundene,
überzeugte Hoffnungslosigkeit zu geraten, ist aber gar nicht so schwer. Denn natürlich wird, wer nach einem
Ausweg aus der Krise sucht, immer zunächst mehr Gründe und Evidenzen finden, die gegen die Machbarkeit,
Erfolgsfähigkeit und Marktgängigkeit seiner neuen Strategie sprechen werden, als es solche geben wird, die
dieselbe unterstützen, und dem Suchenden so eine neue Hoffnung geben können. Mit anderen Worten, es ist
gerade die tendenzielle Neigung der Vernunft, sich in der eigenen Skepsis zu verstecken, und erst gar nicht erst
den Mut zu fassen, das Unerhörte zu wagen, die ein Abrutschen in die krankhafte Depression so leicht möglich
macht. Und dies wiederum bedeutet, dass auch die Vernunft, welche sich ja zu Recht an den Kriterien der
Nachvollziehbarkeit, der logischen Formulierbarkeit und der kritischen Belastbarkeit vor Andersdenkenden zu
orientieren hat, ein Moment des gleichwohl schlüssig dargelegten Glaubens braucht, um nicht an sich selbst zu
Grunde zu gehen.

Dieser Punkt wird leider von der Psychotherapie nicht deutlich genug herausgearbeitet. Denn allzu oft ruht sie
sich ihrerseits auf der These aus, dass das Leben wie selbstverständlich lebenswert sei, und dass es mithin auch
für jemanden, dem die Dauerarbeitslosigkeit und ein Schicksal als Hartz IV-Empfänger drohe, nach wie vor eine
Erfüllung in dieser Welt geben könne. Dabei verweist sie dann u.a. gerne auf die Sinnhaftigkeit, die etwa ein
ehrenamtliches, gemeinnütziges Engagement dem Betreffenden vermitteln könne. Dazu aber wird man sagen
müssen, dass diese Perspektive in der Tat nicht jedermann reichen kann. Denn so nützlich ein unentgeltliches
Engagement im Einzelfall auch sein mag, so sehr zeigt doch der Umstand, dass der Markt dafür kein Geld zahlen
will auch, dass diese Leistung, wenigstens im Moment, als so unentbehrlich von ihm nicht empfunden wird. Mit
anderen Worten, man wird also die Prioritäten dieses Marktes, in dem man ja tagtäglich lebt, schon bewusst
ignorieren oder umdeuten müssen, um sich mit gemeinnütziger Arbeit eine neue Sinnstiftung geben zu können.
Dass eine solche Verdrängungsleistung nicht jedermann als wirklich tragfähig und belastbar erscheint, wird man
leicht einsehen können.

Nein, wer einen wirklichen tragfähigen Ausweg aus der existentiellen Hoffnungslosigkeit finden will, der wird die
Marktgängigkeit einer neuen Überlebensstrategie nicht ignorieren dürfen, sondern gerade im vernünftig
dargelegten Glauben an die früher oder später sich selbst beweisende Marktfähigkeit derselben die Kraft für eine
eigene Sinnstiftung finden müssen. Und so wird er also nicht umhin kommen,
sich am gut bedachten und
gründlich dargelegten Unerhörten zu versuchen, um so den Beweis zu erbringen, dass das unmöglich
Scheinende so unmöglich doch letztlich gar nicht ist.**

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Fußnote**: Es gibt übrigens noch einen weiteren Punkt, in dem die Psychotherapie in Sachen Depressionsüberwindung nicht deutlich genug Stellung
nimmt. Es geht hierbei um die öffentliche Erörterung der Frage, welche Schwierigkeiten der Einzelne zu durchleben hat, um sich aus der „Hinterwelt“
eines früheren Erwerbsfeldes zu lösen, in das er sich ja mit viel Mühe hineingearbeitet hat, in dem er bis dato seine Identifikation gefunden hat, und wo
er auch zuweilen ein Gefühl der tiefen Befriedigung nicht hat verhehlen können. Denn natürlich wird es durchaus den einen oder anderen geben, der
sein berufliches Selbstverständnis eben nicht mit dem Hemd wechseln kann, und der sich mithin auch nicht im häufig wechselnden
Beschäftigungsverkehr der Zeit- und Leiharbeit zu Recht finden wird. Dass hier landläufig aber nach wie vor nicht selten so getan wird, als ginge es bei
der Suche nach einer neuen Erwerbsperspektive vor allem um den Wiedereintritt in das Verdienen neuer Knete, das wird man nur als ein Versäumnis
der modernen Psychotherapie ansehen müssen.
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