Über die Kunst der Empörung

Dialog mit dem Alter Ego über Mitleid mit Boat People etc.

Ein Gedicht der Entrüstung

Angesichts der wiederholten Unfälle afrikanischer Flüchtlinge vor der italienischen Küste hat der Papst gesagt, dass es eine globalisierte Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden der anderen gebe. Wie kann er das sagen?

Immerhin sind wir doch genauso empört, wie er, über die Tragödie der Asylsuchenden. Wir sind ebenso empört über Guantanamo, über die Gewalt im syrischen Bürgerkrieg, über den NSA-Abhörskandal, den Einfluss der Pharmalobby, die  Tierversuche, und die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien und Griechenland.

Doch damit nicht genug. Uns entrüsten auch die Bonuszahlungen im Finanzgewerbe, die Arbeitsbedingungen der Textilarbeiter in Bangladesh, die Abwesenheit eines Mindestlohns etwa im Friseurgewerbe, der Missbrauchsskandal in den christlichen Kirchen, die Verspätungen im öffentlichen Nahverkehr, die Bunga-Bunga-Parties von Herrn Berlusconi, und der Shutdown des öffentlichen Dienstes in Amerika.

Nein, vor lauter Empörung fällt es uns schwer, noch Gesprächsthemen zu finden, die uns nicht entrüsten. Denn unsere Euphorie am Vorabend eines freien Tages, unser Spaß an den alten Seinfeld-Episoden, der Genuss eines feinherben Riesling, oder eine Sonnen durchflutete Etappe auf dem Eifelsteig geben kaum mehr, als eine Erwähnung her.

Mit anderen Worten, wir brauchen unsern Ärger über die langen Wartezeiten im Gesundheitswesen, über die Geldverschwendung im öffentlichen Dienst, oder das Verkehrschaos am Kölner Ring,weil wir sonst nichts haben, was wir mit anderen teilen können. Von globalisierter Glöeichgültigkeit kann jedenfalls keine Rede sein, oder doch?

Frage vom Alter Ego von Noah denkt™ (AE): Die Tragödie der afrikanischen Boat People vor der italienischen Küste bewegt derzeit die Gemüter in Deutschland und in Europa. Dabei wird insbesondere die Haltung Europas gegenüber den Asyl suchenden Einwanderer aus Nord- und Schwarzafrika kritisiert. Man wirft der EU vor, dass ihre Politik zwischen unterlassener Hilfeleistung einerseits und einer Wagenburgmentalität andererseits oszilliere. Unter anderem meinen die Kritiker, dass es gerade der Protektionismus der EU im Agrarsektor sei, der es den afrikanischen Staaten schwer mache, ihre eigene Wirtschaft vernünftig weiter zu entwickeln. Als leuchtendes Beispiel dieser fehlgeleiteten Politik wird das Fischereiabkommen der EU mit Mauretanien angesehen. Denn hier erkauft sich die EU mit einer zig-Millionen schweren Entschädigungen das Recht, das Meer vor der mauretanischen Küste mit spanischen Trawlern abzufischen, während die mauretanischen Fischer gerade wegen der industriellen Konkurrenz aus dem Norden ihre Lebens- und Arbeitsgrundlage verlieren. Wie beurteilt Noah denkt™ diese Kritik an der EU?

Antwort von Noah denkt™ (Nd): Die Kritik mag nicht ganz unberechtigt sein. Uns stört nur, dass diejenigen, die der EU Protektionismus in Sachen Agrarsektor vorwerfen, gemeinhin dieselben sind, die ansonsten sowohl den marktwirtschaftlichen Liberalismus ablehnen, als auch die hohe Arbeitslosenrate in Spanien als unzumutbar ansehen. Mit anderen Worten, wir fragen uns in dieser Angelegenheit, wie die EU-Kritiker selbst mit der Heterogenität ihrer eigenen Weltanschauung umgehen?

AE: Aber sind es wirklich dieselben, die sowohl das eine, als auch das andere kritisieren?

Nd: Es kommt uns schon so vor, als ob das so sei.

AE: Kann es denn einen Zweifel geben, dass die Reform des Agrarsektors in der EU nicht schon längst überfällig ist?

Nd: Nun, wer den Agrar-Protektionismus der EU kritisiert, sollte wissen, dass diese Politik gerade deshalb entstanden ist, weil man es den hiesigen Landwirten nicht zumuten wollte, sich einem kaltherzigen Wettbewerb zu stellen, auf den sie weder emotional, noch kulturell, noch betriebswirtschaftlich vorbereitet sind. Denn natürlich kann man die Lebensweise von Landwirten nicht mehr der, des gemeinen Callcenter-Mitarbeiters vergleichen. Denn während letztere in der Tat  relativ leichtfüßig und ungebunden unterwegs sind, und mithin wirklich die Fähigkeit hat, alle Nase lang den Job zu wechseln, haben wir es in der Landwirtschaft mit Trachten tragenden Familienmitgliedern zu tun, die eben nicht mal hier hin und dahin springen können, wenn den Opportunismus dies erfordern sollte.

AE: Allerdings hat sich mittlerweile auch die Landwirtschaft verändert. So ist der traditionelle Bauer doch längst verschwunden, und vom weltgewandten Agrarmanager ersetzt worden.

Nd: In Niedersachsen mag das so sein, aber ob das in Ober- und Niederbayern, in Rioja oder der Auvergne ebenfalls der Fall ist, das können wir nicht beurteilen.

AE: Mit anderen Worten, Noah denkt™ will sich eines Urteils in dieser Protektionismusfrage enthalten?

Nd: Wir wollen lediglich zur Vorsicht mahnen, und alle Beteiligten auffordern, nicht immer gleich einen Sündenbock für dies und das zu suchen.

AE: Na ja, die EU-Kritik kommt halt aus der Empörung, welche die Menschenrechtler empfinden, wenn sie sich das grausam Schicksal der afrikanischen Boat People vor Augen führen.

Nd: Okay, aber die Empörung an sich, kann ja kein Selbstzweck sein. Immerhin kann man ja fast davon sprechen, dass es so was, wie eine Inflation der Empörung gibt. Da wird man schon aufpassen müssen, dass man es mit seiner Entrüstung nicht übertreibt.

AE: Wie kann man von Übertreibung sprechen, wenn Menschen auf derart tragische Weise zu Grunde gehen, wie dies bei den afrikanischen Flüchtlingen vor der italienischen Küste der Fall ist?

Nd: Unser aller Leben hat Aspekte der Unmenschlichkeit und Grausamkeit. Es wäre verfehlt, zu glauben, dass an dieser Grundtatsache groß was ändern könnte.

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